WIENER EISLAUFVEREIN GEGRÜNDET 1867
   

Die Geschichte des Wiener Eislauf-Vereins – ein Schnelllauf durch drei Jahrhunderte

Von Agnes Meisinger

Der WEV wurde am 7. Februar 1867 von Artur Freiherr von Löwenthal, Dr. Karl (Carl) Korper von Marienwert, Dr. Erwin Franz Freiherr von Sommaruga, Constantin von Marguerite, Dr. Heinrich von Bach, Rudolf Grimm, Ritter von Grimburg, Dr. Cäsar Ranzi, Leon Schmidt Friedrich Böhmers, L. Mohr, Friedrich Klezl, Rudolf von Ponzen, Florian Mollo und Demeter Diamantidi gegründet. Das Areal des WEV vor der Jahrhundertwende lag in der Gegend des heutigen Bahnhofs Wien-Mitte. Am 26. Dezember des Gründungsjahres konnte der Natureislaufplatz eröffnet werden. Aufgrund städtebaulicher Maßnahmen (Bau der Wiener Stadtbahn) übersiedelte der Verein auf den Wiener Heumarkt, wo am 6. Jänner 1901 der neue Eislaufplatz in Betrieb genommen wurde.

Die Zahl der Vereinsmitglieder sowie Tagesbesucher und -besucherinnen stieg rasch an, auch stellten sich bald die ersten nationalen und internationalen Erfolge von WEV-Athleten und -athletinnen im Eissport ein. Inspiriert durch den Schaulaufauftritt des US-amerikanischen Eistänzers und Ballettmeisters Jackson Haines im Jahr 1868 auf dem WEV-Platz, bei dem der Legende nach auch Kaiser Franz Joseph anwesend gewesen sein soll, entwickelte sich in Wien ein neuer Stil des Eiskunstlaufens, der die Ästhetik des Eiskunstlaufsportes maßgeblich bis zum heutigen Tage prägen sollte. Die sogenannte „Wiener Eislaufschule“ unterschied sich vom seinerzeit populären britischen Stil insbesondere durch Tanz- und Sprungelemente, die den so genannten Pflichtfiguren hinzugefügt wurden.

Im Jahr 1869 fand das erste Eisschnelllaufen der Vereinsgeschichte statt, im Jahr 1882 das erste internationale Preis-, Figuren- und Wetteislaufen. Zur Würdigung der Verdienste des noch jungen Vereins für den Eislaufsport wurde dem WEV in der Saison 1892/93 zum ersten Mal die Durchführung der Europameisterschaften im Eiskunstlaufen und Eisschnelllaufen durch die Internationale Eislauf-Vereinigung (heute International Skating Union) übertragen. Einige Jahre später, in der Saison 1906/07, fand die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft am Heumarkt statt.

Eislaufen wurde um die Jahrhundertwende zu einem bedeutenden Teil der popularen Freizeitkultur in Wien. Nach dem Vorbild der im Jahr 1909 weltweit ersten Freiluftkunsteisbahn von Eduard Engelmann in Hernals, eröffnete der WEV am 18. Dezember 1912 eine Kunsteisbahn in einem Ausmaß von 4.000 m². Die Mitgliederzahl im WEV stieg kontinuierlich von 313 im Gründungsjahr auf 5.280 in der ersten Kunsteissaison 1912/13. In der Folgesaison 1913/14 erfolgte die Gründung der Eishockeysektion im Verein (siehe dazu Geschichte des Eishockeys am WEV).

Während der Zeit des Ersten Weltkrieges kämpfte der WEV um seine Existenz. Die Kunsteisbahn sowie die Beleuchtung der Anlage konnten aufgrund des Kohle- und Strommangels in Wien nicht betrieben werden. Eislaufen war nur mehr auf Natureis möglich, aufgrund der Kriegswirren nur einige wenige Tage im Jahr.

Für einen sportlichen Aufschwung des Vereins nach dem Ersten Weltkrieg sorgten die Sportler und Sportlerinnen der „goldenen Zwanzigerjahre“, wie etwa Herma Szabó und Willy Boeckl. Der wirtschaftliche Aufwärtstrend setze ab der Saison 1924/25 ein. Im Jahr 1924 wurde die Kunsteisbahn von 4.000 m² auf 6.000 m² vergrößert – der WEV hatte somit die größte Kunsteisbahn der Welt. In dieser Saison wurden fünf internationale Meisterschaften im Eissport am WEV-Platz ausgetragen. Aufgrund des starken Mitgliederzuwachses und steigenden Interesse der Wiener Bevölkerung am Eissport, wurde im Jahr 1927 die Eisfläche der Kunstbahn von 6.000 m² auf 10.000 m² erweitert. In der Saison 1929/1930 verzeichnete der WEV mit 9.521 Mitgliedern den höchsten Mitgliederstand in der Vereinsgeschichte.

Doch die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre traf auch den WEV – der Mitgliederstand verringerte sich und die Tageseinnahmen gingen zurück, der Verein musste Sparmaßnahmen durchsetzen und den Betrieb der Kunsteisbahn einschränken. Die Eiskunstläufer und -läuferinnen blieben trotz der erschwerten Trainingsbedingungen weiterhin international höchst erfolgreich, Fritzi Burger und Felix Kaspar holten Welt- und Europameistertitel sowie Olympiamedaillen nach Wien.

Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 erfolgte eine drastische Umstrukturierung des österreichischen Sport- und Vereinswesens. Die Folge war die Überführung des WEV in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen. Als Vereinsführer wurde SA-Brigadeführer Heribert Seidler eingesetzt, als kommissarischer Verwalter („Geschäftsführer“) Adolf Eder, der bereits vor der NS-Zeit als Generalsekretär im Verein tätig war. Die antisemitischen Gesetze des NS-Regimes führten zu einem massiven Rückgang der Vereinsmitglieder. Die durch das NS-Regime als „jüdisch“ definierten Funktionäre, Mitglieder sowie Sportler und Sportlerinnen wurden unmittelbar nach dem „Anschluss“ aus dem Verein ausgeschlossen. Die Mitgliederzahl sank von 5.515 im Jahr 1937 auf 2.764 im Jahr 1938. Aufgrund des Wegfalls von etwa der Hälfte der Mitglieder hatte der WEV während der NS-Zeit mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen. Im Jahr 1944 musste der WEV zum ersten Mal in seiner Geschichte den Betrieb einstellen. Im Bereich des Leistungssports hingegen stieg der WEV während dieser Zeit zum erfolgreichen Eissportverein des Deutschen Reichs auf. Die Basis dafür wurde 1939 mit dem Zusammenschluss der Sportsektionen der beiden wirtschaftlich angeschlagenen Traditionsvereine – Wiener Eislauf-Verein und Eissport-Klub Engelmann – zur Wiener Eissport-Gemeinschaft (WEG) gelegt. Den wohl prestigeträchtigsten Sieg fuhr die Eishockeymannschaft der WEG mit dem Gewinn des Deutschen Meistertitels 1940 ein. Zahlreiche Reichsmeister und Reichsmeisterinnen im Kunstlaufen und Schnelllaufen in allen Altersklassen machten den WEV zum „Bollwerk der Ostmark im Eissport“, wie die propagandistische Presse den Verein bezeichnete.

Die Nachkriegsjahre standen unter dem Motto „Wiederaufbau“. Das Areal war durch Bomben und Schützengräben beschädigt, doch die Kunsteisbahn konnte nach kurzer Zeit wieder provisorisch in Betrieb genommen werden. Nach einer längeren kriegsbedingten Pause im internationalen Sport fanden die ersten Wettbewerbe mit Beteiligung von Sportlern und Sportlerinnen des WEV im Jahr 1948 statt. Maßgeblichen Anteil an der raschen Wiederbelebung des WEV in sportlicher, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht hatte die nach dem Zweiten Weltkrieg im Winter 1945 gegründete Wiener Eisrevue. Die Revue, administriert durch die WEG, wurde zum Kassen- und Exportschlager und bescherte dem WEV ein Millionenpublikum. Erster großer Star der Revue wurde Eva Pawlik, die bereits in frühen Jahren als „Wunderkind“ bezeichnet wurde. Bis 1954 fanden die Wien-Vorstellungen am WEV-Platz statt, bevor das Ensemble in den überdachten Messepalast (heute MQ) und später in die Stadthalle übersiedelte. Im Winter 1970 musste die Wiener Eisrevue jedoch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten und der zunehmenden internationalen Konkurrenz an das US-Unternehmen „Holiday on Ice“ verkauft werden.

Noch einmal erlebte der WEV in den 1950er und 1960er-Jahren in sportlicher Hinsicht einen Höhepunkt. Stellvertretend für diese Zeit sind Ingrid Wendl, Regine Heitzer, Emmerich Danzer und Wolfgang Schwarz zu nennen. Zahlreiche, weltbekannte ehemalige Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer schlossen sich nach ihren aktiven Sportkarrieren dem Ensemble der Wiener Eisrevue an. Auch das Eishockeyteam der WEG spielte wieder erfolgreich und gewann in der Saison 1961/62 die österreichische Eishockeymeisterschaft (zum letzten Mal).

In den späten 1950er-Jahren stand für den Verein die Schaffung neuer Freizeit- und Kulturangebote fernab dem Eislaufbetrieb im Mittelpunkt. Ein weiteres Standbein des Vereins stellten nun auch die Sommeraktivitäten dar. So richtete der WEV zahlreiche internationale Ring- und Boxkämpfe aus, beheimatete eine Tennissektion und veranstaltete Musikkonzerte. Insbesondere in den 1960erJahren lockte „Catchen am Heumarkt“ Tausende Fans an, Wien wurde zu einer europäischen Kampfsportmetropole.

In den 1970er und 1980er-Jahren wurde es mit wenigen, jedoch schillernden Ausnahmen stiller um die Sportsektionen des Vereins. Trixi Schuba, in den Jahren 1971 und 1972 jeweils zweimalige Welt- und Europameisterin im Eiskunstlauf, krönte 1972 ihre Karriere mit Olympiasieg in Sapporo. Die österreichische Seriensiegerin Claudia Kristofics-Binder feierte im Jahr 1982 mit dem Gewinn des Europameistertitels der Eiskunstläuferinnen den letzten internationalen Erfolg für den Verein. Die Eishockeysektion musste aufgrund finanzieller und struktureller Probleme in den 1980er-Jahren aus dem Verein ausgegliedert werden. Nicht zu vergessen sind Erfolge der Eistänzer und Eistänzerinnen, die über Jahrzehnte hinweg die nationalen Meisterschaften dominierten – von Edith Winkelmann/Walter Löhner in den 1930er-Jahren bis in die 1970er-Jahre Brigitte Scheijbal/Walter Leschetizky oder Agnes Arco (verh. Husslein-Arco)/Adrian Perco.

Am 26. Februar 1960 wurde der Pachtvertrag über das WEV-Grundstück in der Lothringerstrasse im Zuge des Neubaus des Hotel Intercontinental mit dem Wiener Stadterweiterungsfonds vertreten durch das Bundesministerium für Inneres um 99 Jahre – bis 31. Dezember 2058 – verlängert. Im Jahr 2008 wurde Wiener Stadterweiterungsfonds aufgelöst, die Liegenschaft an das gemeinnützige Wohnprojekt Buntes Wohnen veräußert, wenig später ging das Grundstück in den Besitz der Lothringerstrasse 22 Projektentwicklungs-GmbH über. Seit dem Jahr 2007 wird das Areal des WEV in den Sommermonaten an den Beachclub „Sand in the City“ vermietet, der mit verschiedenen Freizeitangeboten und Gastronomie Unterhaltung in der eisfreien Jahreszeit bietet.

Heute betreibt der WEV eine Kunsteisfläche in einem Ausmaß von 6.000 m² und zählt 305 Mitglieder. In der Saison 2013/14 liefen 267.324 Besucher und Besucherinnen am WEV-Platz. Auch für Wiener Schulen hat der Verein eine wichtige Bedeutung für den Turnunterricht – vergangene Saison übten die Schüler und Schülerinnen von 313 Schulklassen am Heumarkt Eislaufen. Im neuen Jahrtausend kehrte der WEV im gesellschaftlich-kulturellen Bereich wieder zu den Wurzeln seiner Tradition der Kostümbälle des späten 19. Jahrhunderts zurück und veranstaltete am 14. November 2013 den 1. Wiener Eisball.

Im Jahr 2017 feiert der WEV das Jubiläum seines 150-jährigen Bestehens. Der Verein zählt zu den ältesten, größten und erfolgreichsten Sportvereinen der Welt und ist bis heute ein wichtiger Bestandteil des Stadtlebens. Die Geschichte des WEV wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien wissenschaftlich aufgearbeitet. Im Oktober 2017 präsentiert der WEV ein umfangreiches Buch, das anhand zahlreicher historischer Bilder und Fotografien die wechselvolle Geschichte des Traditionsvereins von der Kaiserzeit bis heute dokumentiert.

Link zur Projektseite "150 Jahre Wiener Eislauf-Verein. Die Geschichte des WEV 1867–2017" am Institut für Zeitgeschichte/Universität Wien: Siehe bitte unten!
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